Silberschweif

Variatio delectat

Die Unmöglichkeit des Augenblickgenießens

Ich habe bereits im Konstruktivismus-Blog (hier) zu Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit“, den einige Kommilitonen und ich als Forstsetzung des Master-Seminars „Konstruktivismus – ein interdisziplinäres Paradigma“ im WiSe 07/08 an der Uni Augsburg auf Anregen von Prof. Gabi Reinmann führen, darauf hingewiesen: Mich nervt die „Unmöglichkeit des Augenblickgenießens“. Es scheint nicht möglich zu sein, das Jetzt in seinem tatsächlichen Augenblick seines Geschehens zu genießen. Man kann sich wohl fühlen, aber den Moment nicht tatsächlich im vollen Bewusstsein wahrnehmen und genießen. Zumindest nicht, wenn man daran denkt. Die Gegenwart ist verschmutzt von Gedanken, Erwartungen und Erlebnissen aus der Vergangenheit und an die Zukunft. Gegenwart existiert somit eigentlich gar nicht. Man müsste sie stattdessen eher durch „vergangene Gegenwart“ und „zukünftige Gegenwart“ ersetzen. Ein Beispiel: Es ist Freitag. Die Woche war lang und hart. Man freut sich auf das Wochenende. Vielleicht auf die Sonne, die man sich auf einer Sitzbank ins Gesicht scheinen lassen möchte. „Sich auf etwas freuen“ ist klar zukunftsgerichtet. Das heißt, das angenehme Gefühl des Genießens kommt beim Denken an das zukünftige Tun. Es kann auch nur entstehen, weil das zurückliegende Handeln anstrengend und entbehrungsreich war. Die letztendliche Gegenwart, die an einem ungenießbar vorbeirauscht, ist quasi ein Produkt aus Vergangenheit und Zukunft. Und mir scheint es unmöglich, sich genau in diesem Moment, wenn man auf der besagten Bank sitzt, dies auch wirklich zu genießen. Man kann sich freuen, dass es schön warm ist und man ein wenig Ruhe hat, aber genauso wie die Zeit fließt (Pantarei), zer-fließt auch das Genussgefühl. Das Bewusstsein macht jedem hier einen Strich durch die Rechnung. Ständig ploppen vergangene und zukünftige Erwartungen auf, die das Jetzt verunreinigen. Wünschenswert wäre hier, wenn der Abstand zu uns selbst nicht bestünde. Wir – um mit Bieris Worten zu sprechen – „Getriebene unseres Willens“ wären. Wir lebten im Moment. Das Problem: Wir wären unfrei, Sklaven unseres unsteten und aufbrausenden, nicht zu kontrollierenden Willens. Irgendwie nervt mich das. Vielleicht sollte man nicht daran denken. Aber das ist doch auch keine Lösung …

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März 28, 2008 Posted by | wissenschaftlich | , , , | 7 Kommentare

Eine Lanze für Gisele

Eigentlich kann ich Gisele, einer Teilnehmerin an der Pro7 Casting-Show „Germany’s Next Topmodel“, nicht ausstehen. Nervtötende Stimme (warum klingt die eigentlich immer so, als ob die jedes Wort unter größten Anstrengungen rauspresst?), ständige – zumeist grundlose – Heulkrämpfe und eine in meinen Augen doch eher zweifelhafte äußere Schönheit können einfach nicht sexy machen.Aber in der gestrigen Sendung, ich muss sagen: I’m totally with you.

Aufgabe war es, mit einigen dressierten Tieren über einen Zebrastreifen in Ney York zu laufen. Dabei sollte man natürlich top mondän wirken (auch wenn ich noch nie im Big Apple war, kann ich mir nicht vorstellen, dass dort hübsche Menschen mit Zootieren über Straßenkreuzungen laufen …). Gisele sollte dies mit einem Affen – oder wie Heidi Klum und der Ach-So-Coole-Fotograph ständig sagten „Monkeeeeeeeeeeeey“ – tun. Nachdem sie sah, wie die Tierbetreuer mit dem Schimpansen umgingen, weigerte sie sich das Shooting durchzuziehen. Sie wolle den Affen nicht ständig hin- und herzerren und ihn eigentlich gegen seinen Willen zwingen bei der ganzen Chauce mitzumachen. Abgesehen von ihrer kruden Vorstellung, dass Hunde und Löwen Kälte eher gewohnt sind als Affen (??), war das das erste Mal während der Staffel, dass ich mit ihr darin konform gehe. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob der Affe wirklich Bock hatte (wohl eher nicht) bzw. wie er grundsätzlich behandelt wurde und noch wird, aber so wie Gisele sich in dieser Situation hinter ihre Grundsätze stellte, gefiel mir. Sie ließ sich dahingehend nicht verbiegen.

Heidi Klum konnte das natürlich gar nicht nachvollziehen und fragte die ganze Zeit mit großen verständnislosen Augen und piepsiger Stimme: „Ich verstehe jetzt gar nicht dein Problem. Was ist denn jetzt los? Worum geht es hier denn?“ Ja, das einzige, dass Frau Klum aus dem beschaulichen Bergisch-Gladbach versteht, ist die 1A-Vermakrtung von sich und ihrem Ehegatten (Lied von Seal als Titelmucke, Seal-Konzert als „Surprise“ für die New York-Reisenden, ständig VW Werbung, Einspieler der amerikanischen Sendung Project Runway usw.). Das, und das muss man auch anerkennen, hat sie drauf. Aber das mit der Empathie lernen wir noch!

März 28, 2008 Posted by | TV | , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Überrascht

In der aktuellen Ausgabe der Videospielfachzeitschrift „MAN!AC“, welche im übrigen aus dem beschaulichen Mering bei Augsburg stammt, ist ein sehr interessantes 4-Seiten-Interview (S.86-89) mit den in der Spielergemeinde oftmals verfluchten Prof. Dr. Christian Pfeiffer.

Dabei, so scheint es mir, geht er durchaus differenziert mit der Materie „virtuelle Gewalt“ und deren Auswirkungen auf die Spieler, insbesondere Jugendliche, um. Zudem erklärt er seine empirische (meist quantitative) Herangehensweise, welche, sofern sie tatsächlich so angewandt wird, beeindruckt und sehr sorgfältig ist.

Bisweilen gibt er allerdings einige Aussagen von sich („Meinen Geschwistern war es zu langweilig, mit mir immer in Filme ab 6 Jahren zu gehen und so haben sie mich mitgeschleift in Filme ab 12 oder ab 16. Das hat mir nicht gut getan, ich hatte lange Albträume von den Filmen.“), die zwischen rührselig und lächerlich schwanken.

Interessant aber seine Aussage/Behauptung, Herr Prof. Dr. Fritz, Medienpädagoge der FH Köln, werde von Electronic Arts bezahlt und richte dementsprechend seine Forschung darauf aus, gewalthaltige Spiele aus wissenschaftlicher Perspektive als unbedenklich einzustufen. Zudem arbeite Fritz nicht wissenschaftlich und schreibe seine Argumente aus purem Bauchgefühl heraus.

Was heißt das für uns? Immer kritisch bleiben – egal wer was sagt!

März 4, 2008 Posted by | Gaming, wissenschaftlich | , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Farbenspiel

Man mag über die, um mit Kurt Becks Worten zu sprechen, „so genannte Linke“ denken wie man will, aber seit der Hessen-Wahl ist eines klar: Einfach aus der politischen Landschaft streichen lässt die „neue“ Partei links der SPD in absehbarer Zukunft nicht. Dies macht eines notwendig: das Überdenken festgefahrener Parteienbündnisse. Die Zeiten in denen die Grünen nur mit Rot, die Gelben nur mit Schwarz (Ausnahmen wie die sozial-liberale Regierung Ende der 60er blieben eben solche) koalierten, sind wohl endgültig vorbei. Nicht erst seit die Grünen heftig mit der Hamburger CDU kokettieren … oder ist es andersherum? Man denke nur an die rot-rote Berliner Regierung.Dahingehend könnte auch der Becksche Vorstoß in Sachen Anbandelung mit der Linken gedacht gewesen sein. Er wollte vielleicht sich und seiner Partei für die Zukunft (und damit muss nicht die kommende Bundestagswahl gemeint sein) alle Wege offen halten. Damit wäre die SPD wohl die einzige Partei Deutschlands, die sich nicht von Vornherein gegen irgendwelche Koalitionen, mögen sie auch noch so bunt sein, gestellt hat. Die Grünen könnten da ja arg in Zugzwang kommen. Oder aber: Die SPD macht sich damit beliebig und verliert an Profilschärfe. Aber genau das kann sie sich in der Umklammerung zwischen Mitte und Links nicht leisten.

März 3, 2008 Posted by | Politik | , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gehirnverbund

Unsere menschlichen Gehirne sind keineswegs so individuell und nur auf seinem „Besitzer“ gehörig. Das sage nicht ich, sondern Prof. Douglas R. Hofstadter von der Indiana University in Bloomington/Indiana in einem FOCUS-Interview (Ausgabe 09/ 2008). Hofstadter denkt, dass alle menschlichen Gehirne miteinander verbunden sind. Und seine Argumente klingen wirklich logisch und nachvollziehbar. Denn sobald man sich unterhält und dem anderen z.B. etwas versucht klarzumachen, überträgt man die eigenen Gedankenstrukturen in das Gehirn des Gegenübers.Weitergesponnen und mit einer Prise Esoterik/Religion gewürzt bedeutet das, dass z.B. bei einem Ehepaar, das sich sehr gut verstanden hat und bei dem jeder Partner stets auf den anderen eingegangen ist, die Frau im Manne und vice versa auch nach dem Tode weiterlebt. Das kennt man ja schon vom Spruch „Man lebt in den Gedanken des anderen weiter“. Aber: Hofstadters Vorstellung geht viel weiter. Sie beziehen sich nicht auf bloße Vorstellungen, sondern auf konkrete Gedanken- bzw. Handlungsmuster, welche auch nach dem Tod im anderen weiterleben und nach welchen er/sie sich richtet bzw. richten kann – je nach Grad der Empathiefähigkeit.Aus konstruktivistischer Perspektive widerspricht dies dem (radikalen) Glauben, dass man sich durch das Problem der Sprache ohnehin nicht „versteht“, da sich jeder sein eigenes Realitätskonstrukt bildet. Hofstadters Ansichten zufolge ist die Sprache eigentlich relativ egal, da – sobald der Gegenüber versteht –, die Gehirnnerven und Synapsen das Gedankenkonstrukt des anderen nachmodellieren. Auch hier interessant: Die Wirklichkeitskonstruktionen überdauern das eigentliche Leben und beeinflussen somit noch das Leben, und das Tun im Speziellen, der anderen (man beachte das ungewollte Wortspiel …) nach dem eigenen Tod.

März 3, 2008 Posted by | wissenschaftlich | , , , | Hinterlasse einen Kommentar