Silberschweif

Variatio delectat

Podcasting im Bildungskontext

Oft, leider allzu oft, verschwindet das, was man während des Studiums erarbeitet hat, in der heimischen oder universitären Schublade; seien es Hausarbeiten, Essays oder ganze Abschlussarbeiten.

Die Nutzung Neuer Medien in der Hochschullehre kann hier (zum Teil) Abhilfe schaffen. Seminarbegleitende Blogs, Video-Aufzeichnungen oder auch im Netz zur Verfügung gestellte Podcasts dienen dazu, die von Studierenden „hergestellten“ Arbeiten und Produkte dauerhaft anderen zugänglich zu machen (natürlich kann es trotzdem sein, dass gewisse Medienproduktionen in der Unendlichkeit des Webs verschwinden …).

Gerade eben habe ich wieder festgestellt, wie nützlich es sein kann, wenn Dozenten und Professoren darauf achten, diese neuen Formen der studentischen Leistungserbringung in ihre Seminare einzubauen. Ein Freund, der an der macromedia hochschule für medien und kommunikation den Masterstudiengang „Medien und Kommunikationsmanagement“ studiert, erzählte mir, dass in der ersten Vorlesung im Fach „Kommunikationstheorie“ ein Podcast von Tamara, Astrid und mir den anwesenden Studierenden vorgespielt wurde. Der Podcast entstand im Rahmen des Masterseminars „Konstruktivismus – ein interdisziplinäres Paradigma“ von Prof. Gabi Reinmann des Studiengangs „Medien und Kommunikation“ an der Universität Augsburg. Er beschäftigte sich mit dem Philosophen und Kommunikationswissenschaftler Siegfried J. Schmidt und dessen konstruktivistischen Theorien.

Wer reinhören will, kann sich den Podcast hier anhören (und herunterladen).

Alle anderen im Seminar behandelten Konstruktivisten, wie Varela, Glasersfeld oder Stierlin, haben natürlich auch einen Podcast spendiert bekommen, in dem die anfangs möglicherweise komplexe erscheindenden Gedankengänge der Wissenschaftler einfach erklärt werden. Fast wie bei der Sendung mit Maus … 😉 Hier gibt’s den Gesamtkatalog der Konstruktivismus-Podcasts zum Download.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf den Blog zum Seminar verweisen. Dort wurde Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit“ besprochen. Dazu habe ich bereits hier mehrfach berichtet.

P.S. Einen Eintrag von Tamara zum Podcast findet sich übrigens hier.

Oktober 24, 2009 Posted by | wissenschaftlich | , , , , , , | 1 Kommentar

Das Korsett der Zeit

Mich lässt nach wie vor eine gewissen Thematik, die u.a. im Buch „Das Handwerk der Freiheit“ von Peter Bieri anklang (ich habe z.B. hier darüber berichtet), nicht los: Die Zeit als Kraft mich unfrei und zu einem Getriebenen zu machen.

Die Konstruktion bzw. unserer Vorstellung von Zeit und das enorme Beimessen ihrer Wichtigkeit engt die Menschen unglaublich ein. Wir denken bisweilen z.B. in Kategorien wie „früher war alles besser“ bzw. hängen allgemein unseren Erinnerungen nach, andererseits flüchten wir uns in die Zukunft mit „bald ist das oder jenes vorbei und dann werde ich …“.

Das kann nicht Sinn der Sache sein. Ich lebe jetzt und nicht gestern und morgen.

Interessanterweise bin ich auf ähnliche Gedanken in einem klassischen Unterhaltungsroman gestoßen. Im Buch „Der Sohn des Schamanen“ (dtv, 1996) (engl. Originaltitel: „Toys of Glass, pocket books, 1995) erzählt der Autor Martin Booth von einem Gynäkologen, der aufgrund einer Straftat in den Dschungel des Amazonas flieht. Dort lebt er unter den Ureinwohnern. Seine Vergangenheit lässt ihn jedoch keine Ruhe. Gleichzeitig hat er aufgrund seines Verbrechens keine „richtige“, sprich lebenswerte Zukunft. Im Gegensatz zu den Ureinwohnern.

„Außerdem haben sie keinerlei entwickelte Zeitvorstellungen und betrachten alles, was länger als zwei Wochen zurückliegt, als bedeutungslos. Da sie kein Zeitmaß kennen, leben sie im Glück. Darauf gründet sich (…) ihre schlichte Gemütsart. (…) Eine meiner vielen Zivilisationskrankheiten ist die Angst vor dem, was kommen kann. Was kommen wird. Die Angst vor dem, was schon geschehen ist.“

Die Zeit engt uns ein. Wenn wir also glauben, einmal „viel Zeit zu haben“, ist das glatter Selbstbetrug. Denn jeder Blick auf die Uhr und das Vergehen der Sekunden widerspricht diesem Gedanken.

UPDATE: Wie der Zufall will, kam gestern im dritten Programm des SWR-BW eine sehr interessante Reportage mit dem Titel „Reisen durch die Zeit – Wettlauf gegen die Uhr“ (21.00-21.45) von Scott Alexander und Sara Ford, der mit beeindruckenden Bildern genau auf die Problematik einging, die ich in meinen Posts erwähnt habe bzw. diese zumindest anschnitt. Ebenfalls Schwerpunkt: Wie können wir die Zeit und unser Altern aufhalten? Leider habe ich den Film nicht im „On Demand“-Bereich gefunden. Vielleicht gibt es ja andere Wege, sich den Film nochmals anzusehen …

Juli 17, 2008 Posted by | Privat, wissenschaftlich | , , , | 2 Kommentare

Kontsruktivismus – ein offenes Resümee

Es lässt mich nicht wirklich los – und selbst nachdem ich Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit. Über Die Entdeckung des eigenen Willens“ zu Ende gelesen habe, beschäftigen mich die Fragen des Konstruktivismus oder vielmehr dessen Vielschichtigkeit weiterhin. Vor allem, weil ich mit dem Wissen, das ich von Prof. Gabi Reinmann mir im Master-Seminar „Konstruktivismus – ein interdisziplinäres Paradigma“ (Blog und Podcast) und der Buchlektüre aneignen konnte, sogar im Alltag auf eben solche konstruktivistischen Fragestellungen bzw. Probleme stoße.

Ich nutze hier also die Gelegenheit, das Buch und seine Bedeutung für mich zu skizzieren und gleichzeitig noch die ein oder andere externe Quelle hinzuzuziehen.

Was dem Leser sofort nach einigen Seiten und Kapiteln auffällt, ist das von Bieri oftmals angesprochene Problem der Sprache. Während beilspielsweise von Glasersfeld oder auch Roth die Sprache als „realitätsbildend“, im Sinne von „sich ein Bild von Welt machen“, verstehen, merkt Bieri an, dass wir die Sprache, die einzelnen Wörter, Begriffe und ihre Aussagen zumeist nur in oberflächlich betrachten, deren Bedeutungen quasi nur „ankratzen“ und sie damit in ihrem eigentlichen Sinn missdeuten, sie somit ihrer Tiefe berauben. Ich finde, das ist ähnlich wie bei von Foerster, dessen Meinung es war, dass Sprache Objektivität vorgaukelt – um mit Bieris Worten zu sprechen: Wir denken, wir wüssten, was mit bestimmten Begriffen gemeint sei, dabei haben wir die Ursprungs- bzw. die Wurzel der Bedeutung überhaupt nicht begriffen. Diese Wurzel ist durch Jahrzehnte oder Jahrhunderte mit anderen Assoziationen, wie bei Erdschichten, überlagert worden und hat auf der Alltagsebene eine andere, verschwommenere Bedeutung angenommen. Sprich, wir wissen also eben nicht (unbedingt) immer, was etwas bedeutet. Daher wohl auch die relativ lange Einleitung und Erklärung der Begriffe „Handlung“, „Aktion“, Wille“, „wollen“, „Urheber(schaft)“ etc. Dabei musste ich auch oft daran denken, dass sich damit auch die (Psycho)linguistik und Hermeneutik beschäftigen.
Dort heißt es, dass jeder Mensch einzelnen Wörtern und damit dem gesamten Text oder dem gesprochenen Wort eine andere Bedeutung beimessen kann. Das Beimessen von Bedeutung geschieht durch das bei jedem Menschen unterschiedlich komplexe Realitätsmodell. Es kann als „interne Repräsentation der „Wirklichkeit“ (Früh: Lesen, Verstehen, Urteilen. S.85, Karl Alber:1980) angesehen werden, worin Informationen nach bestimmten Regeln und Schemata zugeordnet werden. Diese „kognitiven Strukturen“ beruhen wiederum auf gemachten Erfahrungen (ibidem, S.80). Je nach Realitätsmodell und zugewiesener Bedeutung können Wörter also unterschiedliche Inhalte und auch Gefühlswerte annehmen (Erdmann: Die Bedeutung des Wortes. S.107, Wissenschaftliche Bchgesellschaft: 1966).
Während in der Psycholinguistik nun zwischen „denotativen“ und „konnotativen/affektiven“ Ebenen unterschieden wird (Eco: Zeichen. S. 99ff, Suhrkamp: 1977), und nun zu weit vom Thema wegführt, kommt es mir eher auf den Begriff „Realitätsmodell“ an, welches sehr gut auf das Subjekt als wirklichkeitserzeugende – und vor allem bestimmte (!) – Instanz hinweist.

Das zweite große Thema des Buches ist nach meinem Empfinden die Zeit als Realitätskonstruktionsfaktor. Zeit wird nicht von allen gleichwahrgenommen. Gegenwart ist nicht gleich erlebte und vor allem eine mit mir im Einklang seiende, und damit „echte“, gefühlte Gegenwart (auf mein Problem des Augenblickgenießens bin ich hier bereits eingegangen). Wir müssen voll und ganz hinter unseren Handlungen stehen, wir müssen sie verstehen, die Umstände (= mehr oder wenige unsere Bestimmtheit/Bedingtheit, aber nicht im negativen Sinne!) kennen und akzeptieren, dann können wir die Zeit auch als „unsere“ Zeit wahrnehmen und durchleben. Das finde ich besonders spannend. Das lässt sich doch wunderbar auf ein Beispiel runterbrechen, indem man sich ein Kind bei einem „langweiligen“ Museumsbesuch oder SPaziergängen mit Verwandten vorstellt. Ich denke, solche Situationen kennen wir alle, bei denen wir uns nichts sehnlicher gewünscht hätten, als dass diese Zeit vorbeiginge. Wir kamen uns so vor, als ob man uns die Zeit gestohlen hätte. Tausend andere Dinge hätten wir in dieser Zeitspanne tun können! Wichtig ist für mich als in Zukunft, Entscheidungen oder Handlungen bewusst zu treffen und diese – auch wenn ich nicht immer die totale Kontrolle darüber habe – anzunehmen, sofern sie mir nicht schaden. Dann müsste ich meinem Ziel, jeden Augenblick zu genießen, doch eigentlich näger kommen, oder?!

Ein dritter Punkt der mir auffiel war das „Ebenen-Phänomen“. Das heißt, dass man oft – wohl auch bedingt durch das „Sprachproblem“ – bei Gesprächen (auch in geschriebener Form) aneinander vorbeiredet, da sich der eine auf der Alltags-, der andere auf einer wissenschaftlich-reflexiv-diagnostischen Ebene befindet. Denn würde ich Bieris Buch lediglich aus Alltagssicht betrachten, hielte ich manche Beispiele, die er aufführt, für lächerlich, übertrieben und nicht nicht wert, darüber nachzudenken. Er selbst „gesteht“ ja am Ende des dritten Teiles ein, dass viele Fragestellungen, die er aufgeworden hat, „künstlicher“ Natur seien. Also Probleme, die (auf der Alltagsebene) nicht existieren, aber bei einem kritischen Blick und einer archäologisch anmutenden Weise der Problemlösung erheblich zum tieferen (auch in diesem Wort kommen die verschiedenen Meta-Ebenen hindurch) Verständnis beitragen. Nur dadurch lassen sich scheinbare Paradoxoi (hoffentlich habe ich einen korrekten griechischen Plural gebildet …), wie der Begriff des „freien Willens“ einer ist, lösen (ein freier Wille wäre kein Wille, da ein Wille bestimmt ist!). Dazu gab es auch ein interessantes Interview mit Gerhard Roth in der Augsburger Allgemeinen vom 10. Mai 2008. Darin sagt er: „Der Mensch fühlt sich frei, wenn er tun kann, was er will, unabhängig davon, wie es zu diesem Willen kommt. Die Bedingtheit unseres Willens erleben wir nicht.“ Aber ich denke, dass Bieri genau daran rütteln will und uns auffordert, uns Gedanken über unsere Willensbildung und deren Abhänhigkeit von uns, unserem Umfeld etc. zu machen. Ich denke, auch darin liegt letzten Endes die Freiheit: zu wissen, wie der Wille zustande kommt und ob ich mich dann damit identifzieren und ihn als meinen Willen annhemen kann!

Weiter wird in dem Interview eine Studie angesprochen, laut der man von 100 Fällen, in 60-70 davon bereits zehn Sekunden im Voraus sagen kann, welche Handlungsentscheidung derjenige treffen wird. Ich frage mich, ob das überhaupt – um im Geiste Bieris zu bleiben – für meinen „freien Willen“ von Relevanz ist. Man kann ja einerseits schlecht sagen, dass man sich dadurch entmündugt fühlt, weil das Gehirn auf einmal etwas „allein“ ohne mein Zutun entscheiden würde – dem ist ja nicht so. Das Gehirn ist ja ein Teil von mir und es gibt eben keine Instanz in oder über mir – oder wie Bieri es sagt, ein Homunculus -, die mit Entscheidungen abnimmt. Dies ist nicht einmal bei Getriebenen, Gezwungenen, Zwanghaften usw. so. Vielleicht kommt dieser Reflex daher, dass wir einen Abstand zu uns selbst aufbauen können und die Situation so abstrahieren, dass sie uns dann im Nachhinein wieder „fremd“ vorkommt. Das wäre für mich eine plausible Erklärung. Andererseits ist es ja auch nicht so, dass man – selbst wenn man oben Genanntes messen kann – die Handlungsentscheidung schlecht findet oder eben nicht als die eigene wahrnimmt. Und genau das macht ja auch meinen Willen aus: dass ich Handlungen als Urheber wahrnehme, dass der ausgeführte Wille meiner ist!
Dasselbe ist es, wenn der Interviewer fragt, ob Routinen einen „ferngesteuert“ durch die Welt laufen lassen. Routinen haben aber doch nichts mit dem Einfluss eines fremden Willens auf mich zu tun. Ich nutze Routinen, um Alltagsvorgänge ohne großen kognitiven Aufwand zu meistern. Das hat an sich eigentlich nichts mit dem Willen und dessen Bedingtheit zu tun, außer, dass die Bedingtheit in diesem Fall immer wiederkehrende Muster der Alltagswelt sind, die ich erkenne und absolviere. Davon bleibt jedoch die „Freiheit“ meiner Entscheidungen vollkommen unbetroffen. Dies ist zumindest meine Meinung. Über erhellende Kommentare freue ich mich sehr!

Juni 23, 2008 Posted by | wissenschaftlich | , , , , , , | 2 Kommentare

Die ge-haltlose Idee des unbedingten Willens

Heute morgen, 07:20, wurde ich im Zug nach München einer großen Illusion beraubt. Ich musste „mitanlesen“, wie mir Peter Bieri meine doch so fest angenommenen unbedingte Willensfreiheit nahm.
Ein unbedingter Wille müsste seiner Begrifflichkeit entsprechend von allen äußeren und auch inneren Bedingungen und Umständen unabhängig sein. Er wäre ein quasi unbeeinflussbarer Wille, so wie wir ihn bei dem Zwanghaften erleben. Und doch anders. Denn bei dieser Art des unbeeinflussbaren Willens wissen wir eben nicht, wann und warum er zustande kommt. Wir können erst gar nicht versuchen, Einfluss auf ihn zu nehmen, da es keinen Zweck hätte. Der unbedingte und damit unbeeinflussbare Wille ist nämlich in keinen Kontext eingeordnet, er steht neben oder besser gesagt über den Dingen – und uns. Er ist, wie Bieri sagt, von uns ver-rückt. Genau das ist das Problem an dem an sich wunderbar be-freienden Gedanken der Willensfreiheit: Diese Idee lässt sich nicht mit der Idee des Personseins und deren zugeschriebenen Eigenschaften in Einklang bringen. Wir als Personen sind in die Gesellschaft eingebunden. Oder um mit Heinz von Försters Worten zu sprechen, es ist ein gesellschaftlicher Omnipsismus gegeben. Wir sind eingebunden in diese Welt mit all ihren Umständen. Diese Eingebundenheit schafft Bedingungen, anhand derer wir unsere Gedankenwelt konstruieren, unser Leben und letztendlich unseren Willen ausrichten, der auch bzw. gerade unter diesen Umständen Sinn macht. Ein freier Wille, losgelöst von jedweder Bedingtheit kommt und geht und braucht erst gar keinen Sinn machen. Das ist seine Natur. Er beschäftigt sich quasi nur mit sich selbst und hat nichts mit uns oder gar der Welt um uns herum zu tun. Dies bedeutet aber zwangsläufig, dass der unbedingte Wille keinen Inhalt hat, denn er macht sich keinen zu Eigen. Er besteht nur aus sich und existiert – in unserem Sprachgebrauch – nur um seiner selbst willen. Er ist also nur ein rein sprachliches Gebilde, wenn auch eines mit einer ungeheuren Strahl- und anfänglichen Überzeugungskraft, wie ich finde.
Bin ich aber wirklich desillusioniert worden? Eigentlich nicht. Ich gehe soweit zu sagen, dass ich als Entscheidungs- oder Willensfreiheit immer die Freiheit definiert oder eben für mich gefühlt habe, die es mir ermöglicht im Rahmen von gegebenen sozialen, kulturellen, ökonomischen oder andersartigen Bedingungen unter einer Reiher von Handlungsmöglichkeiten zu wählen. Oder spezieller gesagt: Ich kann nicht nur durch Überlegen meinen Willen formen, sondern in jeder Sekunde auch anders überlegen und damit einen anderen Willen und andere Handlung hervorrufen. Das ist Willensfreiheit. Bedingt – und dennoch frei.

Mehr zum Thema Peter Bieri, die bedingte und unbedingte Willensfreiheit gibt es auf dem Konstruktivismus-Blog der Professur für Medienpädagogik an der Universität Augsburg.

April 17, 2008 Posted by | wissenschaftlich | , , , , | 4 Kommentare

Die Unmöglichkeit des Augenblickgenießens

Ich habe bereits im Konstruktivismus-Blog (hier) zu Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit“, den einige Kommilitonen und ich als Forstsetzung des Master-Seminars „Konstruktivismus – ein interdisziplinäres Paradigma“ im WiSe 07/08 an der Uni Augsburg auf Anregen von Prof. Gabi Reinmann führen, darauf hingewiesen: Mich nervt die „Unmöglichkeit des Augenblickgenießens“. Es scheint nicht möglich zu sein, das Jetzt in seinem tatsächlichen Augenblick seines Geschehens zu genießen. Man kann sich wohl fühlen, aber den Moment nicht tatsächlich im vollen Bewusstsein wahrnehmen und genießen. Zumindest nicht, wenn man daran denkt. Die Gegenwart ist verschmutzt von Gedanken, Erwartungen und Erlebnissen aus der Vergangenheit und an die Zukunft. Gegenwart existiert somit eigentlich gar nicht. Man müsste sie stattdessen eher durch „vergangene Gegenwart“ und „zukünftige Gegenwart“ ersetzen. Ein Beispiel: Es ist Freitag. Die Woche war lang und hart. Man freut sich auf das Wochenende. Vielleicht auf die Sonne, die man sich auf einer Sitzbank ins Gesicht scheinen lassen möchte. „Sich auf etwas freuen“ ist klar zukunftsgerichtet. Das heißt, das angenehme Gefühl des Genießens kommt beim Denken an das zukünftige Tun. Es kann auch nur entstehen, weil das zurückliegende Handeln anstrengend und entbehrungsreich war. Die letztendliche Gegenwart, die an einem ungenießbar vorbeirauscht, ist quasi ein Produkt aus Vergangenheit und Zukunft. Und mir scheint es unmöglich, sich genau in diesem Moment, wenn man auf der besagten Bank sitzt, dies auch wirklich zu genießen. Man kann sich freuen, dass es schön warm ist und man ein wenig Ruhe hat, aber genauso wie die Zeit fließt (Pantarei), zer-fließt auch das Genussgefühl. Das Bewusstsein macht jedem hier einen Strich durch die Rechnung. Ständig ploppen vergangene und zukünftige Erwartungen auf, die das Jetzt verunreinigen. Wünschenswert wäre hier, wenn der Abstand zu uns selbst nicht bestünde. Wir – um mit Bieris Worten zu sprechen – „Getriebene unseres Willens“ wären. Wir lebten im Moment. Das Problem: Wir wären unfrei, Sklaven unseres unsteten und aufbrausenden, nicht zu kontrollierenden Willens. Irgendwie nervt mich das. Vielleicht sollte man nicht daran denken. Aber das ist doch auch keine Lösung …

März 28, 2008 Posted by | wissenschaftlich | , , , | 7 Kommentare

Gehirnverbund

Unsere menschlichen Gehirne sind keineswegs so individuell und nur auf seinem „Besitzer“ gehörig. Das sage nicht ich, sondern Prof. Douglas R. Hofstadter von der Indiana University in Bloomington/Indiana in einem FOCUS-Interview (Ausgabe 09/ 2008). Hofstadter denkt, dass alle menschlichen Gehirne miteinander verbunden sind. Und seine Argumente klingen wirklich logisch und nachvollziehbar. Denn sobald man sich unterhält und dem anderen z.B. etwas versucht klarzumachen, überträgt man die eigenen Gedankenstrukturen in das Gehirn des Gegenübers.Weitergesponnen und mit einer Prise Esoterik/Religion gewürzt bedeutet das, dass z.B. bei einem Ehepaar, das sich sehr gut verstanden hat und bei dem jeder Partner stets auf den anderen eingegangen ist, die Frau im Manne und vice versa auch nach dem Tode weiterlebt. Das kennt man ja schon vom Spruch „Man lebt in den Gedanken des anderen weiter“. Aber: Hofstadters Vorstellung geht viel weiter. Sie beziehen sich nicht auf bloße Vorstellungen, sondern auf konkrete Gedanken- bzw. Handlungsmuster, welche auch nach dem Tod im anderen weiterleben und nach welchen er/sie sich richtet bzw. richten kann – je nach Grad der Empathiefähigkeit.Aus konstruktivistischer Perspektive widerspricht dies dem (radikalen) Glauben, dass man sich durch das Problem der Sprache ohnehin nicht „versteht“, da sich jeder sein eigenes Realitätskonstrukt bildet. Hofstadters Ansichten zufolge ist die Sprache eigentlich relativ egal, da – sobald der Gegenüber versteht –, die Gehirnnerven und Synapsen das Gedankenkonstrukt des anderen nachmodellieren. Auch hier interessant: Die Wirklichkeitskonstruktionen überdauern das eigentliche Leben und beeinflussen somit noch das Leben, und das Tun im Speziellen, der anderen (man beachte das ungewollte Wortspiel …) nach dem eigenen Tod.

März 3, 2008 Posted by | wissenschaftlich | , , , | Hinterlasse einen Kommentar