Silberschweif

Variatio delectat

Unruhe in der heilen Nintendo-Welt

Irgendwie finde ich es schon lustig. Jahrzehnte lang wurde man als Nintendo-Spieler belächelt. Ich weiß das, weil ich seit meinem Ur-GameBoy von 1989 Nintendo-Fan bin. Zunächst wurde man von den Sega-Spielern belächelt. Mario war halt einfach nicht so cool wie Sonic. Ok, abgehakt. Stimmt ja auch irgendwie. Nur, dass Gameplay eben das entscheidende Spielkriterium ist und da hatte und hat Mario nach wie vor die Nase vorn.
Dann von allen PlayStation-Spielern. Die konnten sich dank gute gemachter Sony-Werbekampagnen als cool fühlen, auch wenn sie es meist nicht waren. Nintendo-Spieler wurden alle in die Pokémon-Ecke gedrängt (übrigens zweifellos ein gutes Spiel! Mein Favorit ist immer noch die blaue Edition.) und als kindisch abgestempelt.

Und nun? Nun prügeln alt eigesessene Nintendo-Fans auf die „neuen“ Nintendo-Spieler ein, die der Traditionskonzern aus Kyoto mit „Touch Generations“, „WiiSports“ und „WiiFit“ geködert hat. Als „Casual-Spieler“ werden diese nun von denjenigen verunglimpft, die bis vor einigen Monaten noch selbst als Nintendo-Kindergarten-Spieler von alle PlayStation- und Xbox-Gamern betitelt wurden. Gerade diese proklamieren nun den unter Spielern ehrenvollen Titel „Coregamer“ für sich. Warum nur? Weil sie im Gegensatz zu den so genannten „Casual-Spielern“, die auf einmal auf den Videospiel-Geschmack gekommen sind, „Mario Galaxy“ und „Zelda: Twilight Princess“ oder gar „Advance Wars“ Spielen?

Ich bitte euch. Das kann doch nicht euer ernst sein. Auch nicht, dass die „Casual-Spieler“ angeblich daran schuld sind, dass Nintendo keine „echten“ Games mehr herstellt. Natürlich bringt Big N nach den grandiosen Erfolgen mit diesen leicht zugänglichen Titeln eben solche vermehrt auf den Markt. Wer mag es ihnen verdenken? Das Geld, das sie damit einnehmen, ist ebenso anerkannt und echtes, als das, was die angeblichen „Hardcore-Spieler“ im Elektro-Laden lassen.
Was wir gerade – z.B. auf der Pressekonferenz zur diesjährigen E3 in Los Angeles – erlebt haben, folgt schlicht den Gesetzen der Marktwirtschaft. Was erfolgreich ist, wird weitergeführt und weiterentwickelt. Und genau deshalb wird es auch in Zukunft genug „Core-Titel“ für Wii und Nintendo DS geben – von Nintendo und auch Third Parties.

Juli 18, 2008 Posted by | Gaming | , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Das Korsett der Zeit

Mich lässt nach wie vor eine gewissen Thematik, die u.a. im Buch „Das Handwerk der Freiheit“ von Peter Bieri anklang (ich habe z.B. hier darüber berichtet), nicht los: Die Zeit als Kraft mich unfrei und zu einem Getriebenen zu machen.

Die Konstruktion bzw. unserer Vorstellung von Zeit und das enorme Beimessen ihrer Wichtigkeit engt die Menschen unglaublich ein. Wir denken bisweilen z.B. in Kategorien wie „früher war alles besser“ bzw. hängen allgemein unseren Erinnerungen nach, andererseits flüchten wir uns in die Zukunft mit „bald ist das oder jenes vorbei und dann werde ich …“.

Das kann nicht Sinn der Sache sein. Ich lebe jetzt und nicht gestern und morgen.

Interessanterweise bin ich auf ähnliche Gedanken in einem klassischen Unterhaltungsroman gestoßen. Im Buch „Der Sohn des Schamanen“ (dtv, 1996) (engl. Originaltitel: „Toys of Glass, pocket books, 1995) erzählt der Autor Martin Booth von einem Gynäkologen, der aufgrund einer Straftat in den Dschungel des Amazonas flieht. Dort lebt er unter den Ureinwohnern. Seine Vergangenheit lässt ihn jedoch keine Ruhe. Gleichzeitig hat er aufgrund seines Verbrechens keine „richtige“, sprich lebenswerte Zukunft. Im Gegensatz zu den Ureinwohnern.

„Außerdem haben sie keinerlei entwickelte Zeitvorstellungen und betrachten alles, was länger als zwei Wochen zurückliegt, als bedeutungslos. Da sie kein Zeitmaß kennen, leben sie im Glück. Darauf gründet sich (…) ihre schlichte Gemütsart. (…) Eine meiner vielen Zivilisationskrankheiten ist die Angst vor dem, was kommen kann. Was kommen wird. Die Angst vor dem, was schon geschehen ist.“

Die Zeit engt uns ein. Wenn wir also glauben, einmal „viel Zeit zu haben“, ist das glatter Selbstbetrug. Denn jeder Blick auf die Uhr und das Vergehen der Sekunden widerspricht diesem Gedanken.

UPDATE: Wie der Zufall will, kam gestern im dritten Programm des SWR-BW eine sehr interessante Reportage mit dem Titel „Reisen durch die Zeit – Wettlauf gegen die Uhr“ (21.00-21.45) von Scott Alexander und Sara Ford, der mit beeindruckenden Bildern genau auf die Problematik einging, die ich in meinen Posts erwähnt habe bzw. diese zumindest anschnitt. Ebenfalls Schwerpunkt: Wie können wir die Zeit und unser Altern aufhalten? Leider habe ich den Film nicht im „On Demand“-Bereich gefunden. Vielleicht gibt es ja andere Wege, sich den Film nochmals anzusehen …

Juli 17, 2008 Posted by | Privat, wissenschaftlich | , , , | 2 Kommentare