Silberschweif

Variatio delectat

Ethische Zwickmühlen

Wie kann man moralisch „richtig“ handeln? Sind ethische Dilemmata eigentlich zu lösen und warum sollte man sich darüber Gedanken machen?

Zu diesen Fragen gab es in der Januar-Ausgabe der „Psychologie heute“ einen interessanten Artikel. Darin wird die „Konstanzer Methode der Dilemmadiskussion“ des Moralpädagogen Georg Lind vorgestellt. Ein Modell, ausgehend von Lawrence Kohlbergs sechsstufiger Moralpyramide (präkonventionelle, konventionelle und postkonventionelle Moralniveaus mit jeweils zwei Stufen), welches vor allem Schüler dazu bringen soll, Moral und moralische richtiges Handeln zu lernen. Denn Lind ist der Ansicht, dass Moral wie ein Muskel oder auch Mathematik erlernbar und trainierbar sei. So erzählt er zunächst eine Geschichte, in der die Akteure stets einer ethischen Zwickmühle gegenüberstehen („Katholisch erzogenes Mädchen und ihre Familie aus Südamerika haben kein Geld; Pharmakonzern bietet ihr einen hohen Betrag, wenn Sie sich jedes Jahr künstlich befruchten lässt und den Embryo der Firma zu Forschungszwecken überlasst“). Die Schüler müssen anschließend zunächst das aus ihrer Sicht bestehende Dilemma beschreiben. Hier kommt es meist zu verschiedenen Interpretationen (materielles Dilemma, familiäres Dilemma, religiöses Dilemma usw.). Dann erarbeiten die Schüler in Gruppen eine Argumentation – je nachdem, wie sie handeln würden und verteidigen diese gegenüber der anderen Gruppe. Vorbild waren hierfür wohl die bekannten Debattierclubs aus dem angelsächsischen Raum. Anhand dieser Methode würden die Schüler lernen, mit einem gewissen Abstand die eigenen und Respekt die anderen Argumente zu betrachten und abzuwägen.

Auf den ersten Blick fand ich das Modell ziemlich gut und auch geeignet sich dem Thema moralischer Dilemmata spielerisch anzunähern. Aber dann fragte ich mich: Und was nützt mir das in einer konkreten praktischen Situation? Meist wird doch ein schneller Entschluss von mir verlangt. Da kann ich nicht erst lang und breit darüber diskutieren. Dann kam mir Revital Ludewig zu Hilfe. Ihrer Meinung, und der kann ich nur beipflichten, sind ethische Zwickmühlen „gefühlte Konflikte“. Es kommt stets auf die Person und die konkrete Beschaffenheit des Dilemmas an, ob es auch tatsächlich eines ist. Denn als katholisch erzogenes Mädchen würde ich natürlich das Angebot der Pharmafirma nicht annehmen. Ich wäre also überhaupt keinem Dilemma ausgesetzt. Linds theoretisches Konstrukt löste sich demnach in nichts auf und bleibt bloße Spielerei, die zwar das komplexe Denken und die Analyse- und Reflexionsfähigkeit des Gehirns zu stärken vermag. Aber moralisch richtiges Handeln kann so doch nicht erlernt werden. Das ist zumindest meine Einschätzung.

Ludewig widerlegt im Übrigen auch Linds Behauptung, Moral hinge vom Bildungsniveau ab. So hätten bereits Kleinkinder „von Geburt an“ ein Gefühl (man beachte auch hier wieder den Hinweis, dass moralische Dilemmata emotionale Angelegenheiten sind!) dafür, was richtig und was falsch ist, nur würden sie sich aus Absicht oft nicht daran halten. Zudem führt sie das Beispiel einer bildungsfernen Dame an, die während der Nazi-Diktatur zwei Frankfurter Juden versteckt und ihnen so das Leben gerettet habe.

Zudem spielt bei der eigenen Einschätzung moralisch richtigen Handelns anderer auch der ihnen innewohnende Wille eine Rolle. Konnte sich die Person in diesem Moment überhaupt (bedingt) frei entscheiden? Wie sah die Vorgeschichte aus? Wäre ein anderes Handeln – ob richtig oder falsch – möglich gewesen oder blieb der Person aus ihrer Lebensgeschichte heraus gar keine andere Wahl? Vor diesem Hintergrund macht beispielsweise das Unterscheiden zwischen „richtigem“ und „falschem“ moralischen Handeln, wie es Lind macht, aus meiner Sicht keinen Sinn. Zum Zusammenhang zwischen Moral und Willensfreiheit siehe auch S.212-222 in Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit“.

April 21, 2008 Posted by | wissenschaftlich | , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die ge-haltlose Idee des unbedingten Willens

Heute morgen, 07:20, wurde ich im Zug nach München einer großen Illusion beraubt. Ich musste „mitanlesen“, wie mir Peter Bieri meine doch so fest angenommenen unbedingte Willensfreiheit nahm.
Ein unbedingter Wille müsste seiner Begrifflichkeit entsprechend von allen äußeren und auch inneren Bedingungen und Umständen unabhängig sein. Er wäre ein quasi unbeeinflussbarer Wille, so wie wir ihn bei dem Zwanghaften erleben. Und doch anders. Denn bei dieser Art des unbeeinflussbaren Willens wissen wir eben nicht, wann und warum er zustande kommt. Wir können erst gar nicht versuchen, Einfluss auf ihn zu nehmen, da es keinen Zweck hätte. Der unbedingte und damit unbeeinflussbare Wille ist nämlich in keinen Kontext eingeordnet, er steht neben oder besser gesagt über den Dingen – und uns. Er ist, wie Bieri sagt, von uns ver-rückt. Genau das ist das Problem an dem an sich wunderbar be-freienden Gedanken der Willensfreiheit: Diese Idee lässt sich nicht mit der Idee des Personseins und deren zugeschriebenen Eigenschaften in Einklang bringen. Wir als Personen sind in die Gesellschaft eingebunden. Oder um mit Heinz von Försters Worten zu sprechen, es ist ein gesellschaftlicher Omnipsismus gegeben. Wir sind eingebunden in diese Welt mit all ihren Umständen. Diese Eingebundenheit schafft Bedingungen, anhand derer wir unsere Gedankenwelt konstruieren, unser Leben und letztendlich unseren Willen ausrichten, der auch bzw. gerade unter diesen Umständen Sinn macht. Ein freier Wille, losgelöst von jedweder Bedingtheit kommt und geht und braucht erst gar keinen Sinn machen. Das ist seine Natur. Er beschäftigt sich quasi nur mit sich selbst und hat nichts mit uns oder gar der Welt um uns herum zu tun. Dies bedeutet aber zwangsläufig, dass der unbedingte Wille keinen Inhalt hat, denn er macht sich keinen zu Eigen. Er besteht nur aus sich und existiert – in unserem Sprachgebrauch – nur um seiner selbst willen. Er ist also nur ein rein sprachliches Gebilde, wenn auch eines mit einer ungeheuren Strahl- und anfänglichen Überzeugungskraft, wie ich finde.
Bin ich aber wirklich desillusioniert worden? Eigentlich nicht. Ich gehe soweit zu sagen, dass ich als Entscheidungs- oder Willensfreiheit immer die Freiheit definiert oder eben für mich gefühlt habe, die es mir ermöglicht im Rahmen von gegebenen sozialen, kulturellen, ökonomischen oder andersartigen Bedingungen unter einer Reiher von Handlungsmöglichkeiten zu wählen. Oder spezieller gesagt: Ich kann nicht nur durch Überlegen meinen Willen formen, sondern in jeder Sekunde auch anders überlegen und damit einen anderen Willen und andere Handlung hervorrufen. Das ist Willensfreiheit. Bedingt – und dennoch frei.

Mehr zum Thema Peter Bieri, die bedingte und unbedingte Willensfreiheit gibt es auf dem Konstruktivismus-Blog der Professur für Medienpädagogik an der Universität Augsburg.

April 17, 2008 Posted by | wissenschaftlich | , , , , | 4 Kommentare

Loose kommt von „to lose“

Es ist vollbracht. Ralf Loose, Trainer des FC Augsburg, ist Geschichte. Kurzum: Er wurde heute nach der desolaten Leistung beim 2:0 in Kaiserslautern gegen die Roten Teufel entlassen. Zu recht wie ich finde. Schließlich wusste ich schon immer, dass sein Name vom englischen „to lose“ abstammt …

Spaß beiseite: Seitdem Loose das Traineramt vom beliebten Rainer Hörgl übernommen hat, habe ich keine spielerische Verbesserung der Mannschaft festgestellt. Zugegeben, das war unter Hörgl ebenfalls nicht der Fall. Aber hat man nicht gerade deswegen einen neuen Trainer geholt? Vielleicht hätte man nicht gerade den ehemaligen Trainer der Nationalmannschaft Liechtensteins rekrutieren sollen. Egal. Fakt ist, dass sein Systemwechsel auf ein 4-4-2, also mit einem Mann mehr in der Abwehr als unter Hörgl, keine Verbesserung brachte. Im Gegenteil: Die Mannschaft kassierte mehr Gegentreffer als in der Saison zuvor. Nun kann ein Trainer sicher nicht eine ohnehin eher bescheiden leistungsfähige Mannschaft zum Champions League-Finalisten formen. Das ist klar. Aber dann muss er mit Leidenschaft, Begeisterungsfähigkeit und Emotionen die eigene Truppe anheizen. Dann mag man zwar keine Spiele gegen Borussia Mönchengladbach gewinnen, aber eben solche entscheidenden wie gegen den 1.FC Kaiserslautern.

Ich bin also gespannt, wer nun das Ruder übernehmen wird. Mirko Slomka hätte ja jetzt Zeit …

April 16, 2008 Posted by | Sport | , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

res publica res populi …

In Ergänzung an Tamaras nützliche Links oder Alexander Florians Hinweise zum Thema re_publica hier noch eine Artikelempfehlung meinerseits dazu in der WELT Online, der sich unter anderem dem Thema „Internet-Wahlkampf“ und den Anfängerfehlern von Politikern beim Bloggen widmet.

April 10, 2008 Posted by | Politik | , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Sister Hazel-Fanboy

Ich möchte an dieser Stelle einmal ein wenig Werbung für eine Band machen, die mich wie keine in den letzten Jahren zuvor derart begeistert hat. Es ist selten, dass einem tatsächlich alle Lieder aller Alben zusagen. Totalausfälle waren eigentlich immer dabei. Jedoch nicht bei dieser US-amerikanischen Gesangstruppe. Die Rede ist von Sister Hazel (wer wissen will, woher der Name stammt, sei auf den Eintrag auf Wikipedia verwiesen), einer Rockgruppe aus Florida. Die Stimme des Leadsängers Ken Block ist ein wahrer Ohrenschmaus, die Arrangements grandios.

 

Zum Reinhören empfehle ich die Stücke „All for You“, „Champagne High“, „Happy“, „Sword and Shield“, Effortlessly“ und „Swan Dive“… ach was, eigentlich alle! J

Derzeitiges Lieblingsalbum: Sister Hazel Live. Sensationell!

 

Allerdings gibt es einen großen Wehrmutstropfen: Sister Hazel spielen fast ausschließlich in den USA. Soweit ich weiß gab es einmal einen Überraschungs-Auftritt in England. Aber das ist dann anscheinend schon das Höchste der gefühle. Wer also einen USA-Urlaub plant, sollte den nach dem Tourplan der Band ausrichten 😉

April 10, 2008 Posted by | Privat | , , , , | 2 Kommentare