Silberschweif

Variatio delectat

Das Korsett der Zeit

Mich lässt nach wie vor eine gewissen Thematik, die u.a. im Buch „Das Handwerk der Freiheit“ von Peter Bieri anklang (ich habe z.B. hier darüber berichtet), nicht los: Die Zeit als Kraft mich unfrei und zu einem Getriebenen zu machen.

Die Konstruktion bzw. unserer Vorstellung von Zeit und das enorme Beimessen ihrer Wichtigkeit engt die Menschen unglaublich ein. Wir denken bisweilen z.B. in Kategorien wie „früher war alles besser“ bzw. hängen allgemein unseren Erinnerungen nach, andererseits flüchten wir uns in die Zukunft mit „bald ist das oder jenes vorbei und dann werde ich …“.

Das kann nicht Sinn der Sache sein. Ich lebe jetzt und nicht gestern und morgen.

Interessanterweise bin ich auf ähnliche Gedanken in einem klassischen Unterhaltungsroman gestoßen. Im Buch „Der Sohn des Schamanen“ (dtv, 1996) (engl. Originaltitel: „Toys of Glass, pocket books, 1995) erzählt der Autor Martin Booth von einem Gynäkologen, der aufgrund einer Straftat in den Dschungel des Amazonas flieht. Dort lebt er unter den Ureinwohnern. Seine Vergangenheit lässt ihn jedoch keine Ruhe. Gleichzeitig hat er aufgrund seines Verbrechens keine „richtige“, sprich lebenswerte Zukunft. Im Gegensatz zu den Ureinwohnern.

„Außerdem haben sie keinerlei entwickelte Zeitvorstellungen und betrachten alles, was länger als zwei Wochen zurückliegt, als bedeutungslos. Da sie kein Zeitmaß kennen, leben sie im Glück. Darauf gründet sich (…) ihre schlichte Gemütsart. (…) Eine meiner vielen Zivilisationskrankheiten ist die Angst vor dem, was kommen kann. Was kommen wird. Die Angst vor dem, was schon geschehen ist.“

Die Zeit engt uns ein. Wenn wir also glauben, einmal „viel Zeit zu haben“, ist das glatter Selbstbetrug. Denn jeder Blick auf die Uhr und das Vergehen der Sekunden widerspricht diesem Gedanken.

UPDATE: Wie der Zufall will, kam gestern im dritten Programm des SWR-BW eine sehr interessante Reportage mit dem Titel „Reisen durch die Zeit – Wettlauf gegen die Uhr“ (21.00-21.45) von Scott Alexander und Sara Ford, der mit beeindruckenden Bildern genau auf die Problematik einging, die ich in meinen Posts erwähnt habe bzw. diese zumindest anschnitt. Ebenfalls Schwerpunkt: Wie können wir die Zeit und unser Altern aufhalten? Leider habe ich den Film nicht im „On Demand“-Bereich gefunden. Vielleicht gibt es ja andere Wege, sich den Film nochmals anzusehen …

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Juli 17, 2008 Posted by | Privat, wissenschaftlich | , , , | 2 Kommentare