Silberschweif

Variatio delectat

Die ge-haltlose Idee des unbedingten Willens

Heute morgen, 07:20, wurde ich im Zug nach München einer großen Illusion beraubt. Ich musste „mitanlesen“, wie mir Peter Bieri meine doch so fest angenommenen unbedingte Willensfreiheit nahm.
Ein unbedingter Wille müsste seiner Begrifflichkeit entsprechend von allen äußeren und auch inneren Bedingungen und Umständen unabhängig sein. Er wäre ein quasi unbeeinflussbarer Wille, so wie wir ihn bei dem Zwanghaften erleben. Und doch anders. Denn bei dieser Art des unbeeinflussbaren Willens wissen wir eben nicht, wann und warum er zustande kommt. Wir können erst gar nicht versuchen, Einfluss auf ihn zu nehmen, da es keinen Zweck hätte. Der unbedingte und damit unbeeinflussbare Wille ist nämlich in keinen Kontext eingeordnet, er steht neben oder besser gesagt über den Dingen – und uns. Er ist, wie Bieri sagt, von uns ver-rückt. Genau das ist das Problem an dem an sich wunderbar be-freienden Gedanken der Willensfreiheit: Diese Idee lässt sich nicht mit der Idee des Personseins und deren zugeschriebenen Eigenschaften in Einklang bringen. Wir als Personen sind in die Gesellschaft eingebunden. Oder um mit Heinz von Försters Worten zu sprechen, es ist ein gesellschaftlicher Omnipsismus gegeben. Wir sind eingebunden in diese Welt mit all ihren Umständen. Diese Eingebundenheit schafft Bedingungen, anhand derer wir unsere Gedankenwelt konstruieren, unser Leben und letztendlich unseren Willen ausrichten, der auch bzw. gerade unter diesen Umständen Sinn macht. Ein freier Wille, losgelöst von jedweder Bedingtheit kommt und geht und braucht erst gar keinen Sinn machen. Das ist seine Natur. Er beschäftigt sich quasi nur mit sich selbst und hat nichts mit uns oder gar der Welt um uns herum zu tun. Dies bedeutet aber zwangsläufig, dass der unbedingte Wille keinen Inhalt hat, denn er macht sich keinen zu Eigen. Er besteht nur aus sich und existiert – in unserem Sprachgebrauch – nur um seiner selbst willen. Er ist also nur ein rein sprachliches Gebilde, wenn auch eines mit einer ungeheuren Strahl- und anfänglichen Überzeugungskraft, wie ich finde.
Bin ich aber wirklich desillusioniert worden? Eigentlich nicht. Ich gehe soweit zu sagen, dass ich als Entscheidungs- oder Willensfreiheit immer die Freiheit definiert oder eben für mich gefühlt habe, die es mir ermöglicht im Rahmen von gegebenen sozialen, kulturellen, ökonomischen oder andersartigen Bedingungen unter einer Reiher von Handlungsmöglichkeiten zu wählen. Oder spezieller gesagt: Ich kann nicht nur durch Überlegen meinen Willen formen, sondern in jeder Sekunde auch anders überlegen und damit einen anderen Willen und andere Handlung hervorrufen. Das ist Willensfreiheit. Bedingt – und dennoch frei.

Mehr zum Thema Peter Bieri, die bedingte und unbedingte Willensfreiheit gibt es auf dem Konstruktivismus-Blog der Professur für Medienpädagogik an der Universität Augsburg.

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April 17, 2008 Posted by | wissenschaftlich | , , , , | 4 Kommentare