Silberschweif

Variatio delectat

Schwarz-Gelb und die Medien

Klar, wenn man über Steuerentlastungen in Milliardenhöhe und die gleichzeitige Senkung von Lohnnebenkosten auf Arbeitgeberseite debattiert, kann das, womit sich tagtäglich Millionen Menschen – und vor allem jüngere Semester – beschäftigen, nur für eine Randnotiz taugen. Hier der Abschnitt im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und der FDP (17. Legislaturperiode) mit dem Namen „Wachstum. Bildung. Zusammenhalt“, der sich mit „Medien“ im Allgemeinen und Computerspielen im Speziellen beschäftigt:

„Wir wollen die enormen gesellschaftlichen und individuellen Chancen der Neuen Medien umfassend nutzen; den Risiken im Umgang mit diesen werden wir entgegenwirken. Wir wollen die Medienkompetenz insbesondere von Kindern und Jugendlichen stärken. Dazu gehören die Fortsetzung der erfolgreichen Projekte „Vision Kino“, „Nationale Initiative Printmedien“ und das Netz für Kinder „Frag Finn“. Computerspiele sind ein selbstverständlicher Teil unserer Alltagskultur geworden. Deswegen soll die Entwicklung hochwertiger, kulturell und pädagogisch wertvoller Unterhaltungsmedien gefördert und der Deutsche Computerspielpreis aufgewertet werden.“

Angesichts der oft monatelangen Debatten um Verbote von „Killerspielen“, in denen sich mehrheitlich Unionspolitiker leider allzu oft polulistisch hervortun und Wählerstimmen sammeln, ist es interessant, wie wenig Beachtung man den Video- und Computerspielen im Koalitionsvertrag, und vor allem in diesem Auszug schenkt. Und seien wir ehrlich: Allgemeiner hätte man den Abschnitt „Jugend und Medien“ nicht formulieren können … Positiv: Video- und Computerspiele werden als Kulturgut bezeichnet.

Hier kann man sich den Koalitionsvertrag im Übrigen downloaden (offizielle Seite der FDP).
Oder auch hier (offizielle Seite der CDU).
Oder hier (offzielle Seite der CSU).

November 1, 2009 Posted by | Gaming, Politik | , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Über den Sinn von Internetsperren

In den vergangenen Wochen wurde vor allem (leider!) in der Computer-/Internet-affinen Szene viel über das Vorhaben der Bundesregierung, Internetseiten (hier: Kinderpornoseiten) zu sperren diskutiert (wobei natürlich nicht die Kinderpornos gemeint sind!). Leider schaffen es etablierte Medien bislang überhaupt nicht, eine ausgewogene Berichterstattung und damit eine Öffentlichkeit herzustellen, die die Argumente der Befürworter und Gegner der Sperre klar vor sicht hat. Das Ganze gipfelte (in meinen Augen) am Wahlabend der EU-Wahl in Jörg Schönenborns fast schon als diffamierend zu bezeichnenden Kommentar, das politische Ziel der Piratenpartei sei es, jedem Bürger illegale Downloads zu ermöglichen. Für einen preisgekrönten Journalisten ist diese Sichtweise doch stark verkürzt, würde ich behaupten.
Nun ja, wenn also selbst die öffentlich-rechtlichen auf eine objektive Berichterstattung verzichten, müssen es wohl die informierten Blogger selbst tun bzw. einmal das Rad wieder einw enig in die andere Richtung drehen.

Ohne auf die gesamte Debatte einzuegen, empfehle ich schlicht einen Blogeintrag von Boris Schneider-Johne, der es – trotz aller Ironie – treffend auf den Punkt bring. Dieser ist hier zu finden.

P.S. Die EInführung von HADOPI in Frankreich wurde vorerst vom dortigen Verfassungsgericht gestoppt. Nicht eine Regierungsorganisation dürfe in das Recht auf Informationsfreiheit, Teilhabe am öffentlichen Leben etc. eingreifen, sondern dies dürfe nur durch richterlichen Beschluss geschehen (das Gesetz sah vor, „Internet-Piraten“ schlicht den Netzzugang zu verwähren). Was auf den ersten Blick als Erfolg aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als nur kleines Hindernis für die Regierung Sarkozy. Diese gab bekannt, man wolle nun den Gesetzentwurf so formulieren, dass die Internetsperre nun eben von einem Richter verhängt werden kann … Siehe WELT ONLNIE-Artikel hier.

Juni 13, 2009 Posted by | Politik, Privat, Technik | , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Nein zum Generalverdacht

In der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung äußerte sich Sebastian Edathy (SPD) (hier geht’s zu seiner Website), der Vorsitzende des Innenausschusses des Deutschen Bundestages, im Artikel „Schonzeit für Schützen“ (hier) über den Sinn bzw. Unsinn einer möglichen Verschärfung des Waffenrechts. Die SZ zitiert ihn mit folgenden Worten:

„[Es wäre falsch, die] hohe Mehrheit der legalen Waffenbesitzer, die sich korrekt verhält, unter Generalverdacht zu stellen. Das wäre unangemessen und unfair.“

Das sehe ich genauso – allerdings sollte das in gleichem Maße für die Vielzahl an Video- und Computerspielern gelten, die nun sowohl von Seiten der Poltik als auch von den Medien unter eben diesem Generalverdacht stehen. Es sollte langsam in die Köpfe der Politiker, dass auch Gamer potenzielle Wähler sind – gerade wenn wir von „Killerspielen“ sprechen, die i.d.R. erst ab 18 Jahren freigegeben sind und somit ein wahlberechtigtes Klientel ansprechen.

März 26, 2009 Posted by | Gaming, Politik | , , , , | 1 Kommentar

Streitfall Computerspiele

Im Zuge der Debatten zum Amoklauf von Winnenden meldete sich auch der Deutsche Kulturrat zu Wort. Dort heißt es in einer Pressemitteilung (hier):

„Der Deutsche Kulturrat, der Spitzenverband der Bundeskulturverbände, begrüßt, dass nach den tragischen Ereignissen in Winnenden nicht wieder die übliche Schwarzweißdebatte um die Ursache so schrecklicher Gewalttaten geführt wird.“

Naja, darüber lässt sich sicherlich streiten. Vor allem angesichts der Tatsache, dass nur wenige Stunden nach der Tat refelxartig die bösen elektronischen Killerspiele als mögliche Ursache für den Amoklauf vonTim K. herangezogen wurden. Und auch jetzt, zwei Wochen nach diesem schrecklichen Ereigniss, findet eine zum Teil einseitige Berichterstattung statt. Die Eltern der Opfer fordern Politik und Justiz auf, härter bezüglich des Waffenrechts und der medialen Gewaltdarstellung – vor allem im TV – vorzugehen. Zudem setzen sie sich für ein Verbot der „Killerspiele“ ein. Soweit so gut (und berechtigt).

Aber was machen einzelne Medien daraus? „Eltern der Opfer von Winnenden fordern Verbot von Killerspielen“ (Saarbrücker Zeitung; hier), „Als die Pixel böse wurden“ (Berliner Zeitung; hier) oder „Opferfamilien fordern Killerspiel-Verbot“(Süddeutsche Zeitung; hier). Insofern kann wohl auch aus objektiver Sicht heraus nicht von einer differenzierten Betrachtung, sondern es muss stattdessen von einer tendenziösen Berichterstattung gesprochen werden. Damit hat ein Großteil der Journalisten genau das verletzt, wofür sie eigentlich stehen wollen: Qualitätsjournalismus, der objektiv über Geschehnisse informiert.

Der Kulturrat stellte drei Tage nach der Pressemitteilung das Buch „Streitfall Computerspiele: Computerspiele zwischen kultureller Bildung, Kunstfreiheit und Jugendschutz“ als pdf-Version zum Download bereit (hier). Eine, wie ich finde, gute Entscheidung. Je mehr (wissenschaftliche) Veröffentlichungen es zu diesem Thema gibt, desto besser stehen die Chancen, in Zukunft fundierter über (gewalthaltige) Video- und Computerspiele zu diskutieren.

Zum Thema Gewalt und Kunst (und elektronische Spiele sind wohl eindeutig als Kunst- bzw. Kulturform zu definieren) hier noch ein Zitat, das meiner Meinung nach schon viel zur Debatte sagt:

„Kunst und Gewalt [hängen] schon so lange zusammen, wie Gewalt ein Faktum in der Kultur ist: Also immer. In Homers Odyssee, dem ältesten bekannten literarischen Werk, foltert und tötet Odysseus im Finale brutal. Blut und Brutalität sind schon seit jeher fester Bestandteil der abendländischen Kultur beziehungsweise der Kunst. Dies zu verleugnen wäre naiv.“ (Lindemann, T.: Michelangelo würde heute Spiele programmieren. Welt Online vom 22. August 2007; hier)

UPDATE: Boris Schneider-Johne, seines Zeichens Produktmanager für Xbox 360 bei Microsoft Deutschland, hat auf seinem Privat-Blog einen äußerst interessanten und lesenswerten Artikel gepostet, der u.a. auch auf die verzerrende Berichterstattung bezüglich der Forderungen der Opferfamilien eingeht. Er ist hier zu finden.

März 24, 2009 Posted by | Gaming, Politik | , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Killerspiele – die ewige Debatte

Nach dem schrecklichen Amoklauf eines jungen Mannes/Jugendlichen am gestrigen Tag in einer Realschule im baden-württembergischen Winnenden hatte ich bereits die Befürchtung, dass die Medien – über alle Sender und Zeitungen hinweg – das Thema „Killerspiele“ als eine der Ursachen für diese Bluttat aufgreifen.

Lang hat es nicht gedauert: Bereits am frühen Abend gab es dann erste Berichte, in denen das (mutmaßliche) Umfeld und Leben des 17-Jährigen Tim K. dargestellt wurde – schüchtern, keine Freunde/Freundin und natürlich besaß er „Killerspiele„.
WEB.de – zugegebenermaßen nicht gerade als Meinungsführer und hoch investigatives Nachrichtenmedium bekannt – treibt es dann ganz plakativ auf die Spitze mit der Überschrift „Amokläufer von Winnenden besaß Killerspiele“ (hier).

Ich möchte an dieser Stelle nicht im großen Stil die Argumente aufführen, die einen ursächlichen monokausalen Wirkungszusammenhang zwischen dem Spielen gewalthaltiger Video- und Computerspiele und dem menschlichem Verhalten ausschließen, sondern lediglich auf einige (meiner) Blogeinträge bzw. Abschluss-/Doktorarbeiten verweisen, in denen einiges zu diesem Thema geschrieben steht:

Ladas, M. (2002): Brutale Spiele(r)? Wirkung und Nutzung von Gewalt in Computerspielen. Frankfurt a.M.: Peter Lang (hier gibt’s den Abstract, hier den Link zum Buchkauf).

– Rötzer, F. (2003): Virtuelle Welten – reale Gewalt. Hannover: Verlag Heinz Heise (hier der Link zum Buchkauf).

– Hausmanninger, T. & Bohrmann, T. (2002): Mediale Gewalt. München: W. Fink (hier der Link zum Buchkauf).

Hahn, D. (2007): Killerspielartikel in der Videospielfachpresse – zur Wirkung gewalthaltiger Texte. w.e.b.Square, 02/2007. (hier)

weitere Abschlussarbeiten finden sich im Portal „gamesscience“ (hier)

Fünf Irrtümer über Computerspiele (hier), Blog des Soziologen Benedikt Köhler (Twitter-Account).

Killerspiele: ein Schwarz-Weiß-Denken (hier)

Killerspiele machen aggressiv und friedfertig (hier)

Ebenfalls beachtenswert, um sich tiefer und wissenschaftlicher in die Materie einzuarbeiten, sind z.B. Publikationen von Fritz und Fehr (u.a. hier). Natürlich ist das alles beileibe nicht vollständig, dient aber evtl. dazu, sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Ein Blick in die Literaturverzeichnisse der Doktor- bzw. Abschlussarbeiten hilft, weitere relevante Quellen zu finden.

UPDATE: Die CDU-/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag veröffentlichte heute eine Pressemitteilung (hier), in der wieder einmal für ein noch strengeres Jugendschutzgesetz plädiert wird. Vor allem geht es der Union um eine härtere Bewertung hinsichtlich der Altersfreigaben von Computer- und Videospielen. Offensichtlich scheint man bei der lieben Union vergessen zu haben, dass Deutschland bereits das strengste Jugendschutzgesetz und die bindensten Regeln bezüglich des Verkaufs von elektronischen Spielen in der Europäischen Union hat. Und? Was hat das bisher gebracht? Offensichtlich nicht viel. Was bedeutet das? Ich behaupte, ein strengeres Gesetz führt garantiert nicht dazu, derartige Taten zu verhindern.
Vielleicht sollte sich die Union lieber damit beschäftigen, die Anzahl an Schulpsychologen zu erhöhen bzw. diese Leute besser zu schulen. Eventuell wäre dann die Chance größer gewesen, hinter die Fassade von Tim K. zu blicken …

März 12, 2009 Posted by | Gaming, Politik, wissenschaftlich | , , , , , , , , | 6 Kommentare

Wirtschaftskrise erreicht Gamer

Nachdem bereits zu Jahresbeginn einer der besten Video-Podcasts im Bereich Videospiele, die 1UP Show,  abgesetzt wurde (hier kann man sich den interessanten Nachruf der Games und so-Crew dazu anhören), hat es nun auch den elf Jahre alten Free-TV-Sender GIGA erwischt (hier geht’s zum Bericht auf kress.de; hier der Eintrag auf dem GIGA-eigenen Blog).

Schlechte Zeiten im Moment – auch für Spieler. Vor allem angesichts der Tatsachen, dass zum einen die 1UP Show das Zugpferd des gesamten 1UP-Netzwerks war und zum anderen GIGA 2008 das erfolgreichste Jahr seines Bestehens feiern konnte.

requiescat in pace …

Hier gibt’s den Audio-Mitschnitt des Radiosenders 1Live zum GIGA-Ende. Auch Kultmoderator Etienne Garde kommt zu Wort. Aber wenn man sich ihn so anhört, dann macht das dennoch Hoffnung. Vielleicht ist da schon was Neues in Planung!

UPDATE: Die Jungs von der 1UP-Show haben ein neues Projekt: Area5.tv (hier) – benannt nach deren Lieblingslevel im Dreamcast-Klassiker REZ.

Februar 13, 2009 Posted by | Gaming, Politik, Technik, TV | , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die Wirkung von Wahlplakaten

Was mich an Wahlen nervt ist nicht der sonntägliche Marsch ins Wahllokal, nicht die mehrstündigen Hochrechnung auf die zehnte Stelle hinter dem Komma und auch nicht elend lange und vor allem uninteressante Gewinner- bzw. Verlierer-Interviews im Anschluss an das amtliche Wahlergebniss mit den stets gleichen und vorhersagbaren Plattitüden.

Was mich nervt sind die zumeist unsäglich einfallslosen und hässlichen Wahlplakate, die jeden Baum, jeden Zaun und jeden Laternenemast verschandeln. Da denkt die FDP im derzeitigen Wahlkampf zur bayerischen Landtagswahl, sie wäre super einfallsreich, indem sie mit gelber Schrift auf schwarzem Grund schreibt „Der deutlichste Kontrast zu Schwarz“ (nichtsdestotrotz ist die CSU natürlich erster Ansprechpartner, sollte es tatsächlich zu einem Verlust der absoluten Mehrheit für die CSU und damit zu einer Koalition in Bayern kommen). Auch die Grünen locken mit einem „Zeit wird’s“ auch keinen alten Hund hinter dem Ofen hervor, versprühen aber immerhin noch so etwas wie Spaß im bierernsten Bayern. Und was mir die CSU mit dem Slogan „Sommer, Sonne, Bayern“ sagen will, bleibt schleierhaft. Vielleicht, dass es mit den Linken im Landtag weder noch einmal Sommer wird, noch Bayern weiter sicher vor sich hin existiert? (Eine andere Erklärung findet sich hier.)

Gott sei Dank gibt es gibt es Leute wie Stefan Selke. Der Mediensoziologe erklärt in diesem SZ-Interview, was die Parteien uns sagen wollen und wie deren Wahlplakate eigentlich wirken …

September 26, 2008 Posted by | Politik, Privat, wissenschaftlich | , , , , , , , , | 1 Kommentar

res publica res populi …

In Ergänzung an Tamaras nützliche Links oder Alexander Florians Hinweise zum Thema re_publica hier noch eine Artikelempfehlung meinerseits dazu in der WELT Online, der sich unter anderem dem Thema „Internet-Wahlkampf“ und den Anfängerfehlern von Politikern beim Bloggen widmet.

April 10, 2008 Posted by | Politik | , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Farbenspiel

Man mag über die, um mit Kurt Becks Worten zu sprechen, „so genannte Linke“ denken wie man will, aber seit der Hessen-Wahl ist eines klar: Einfach aus der politischen Landschaft streichen lässt die „neue“ Partei links der SPD in absehbarer Zukunft nicht. Dies macht eines notwendig: das Überdenken festgefahrener Parteienbündnisse. Die Zeiten in denen die Grünen nur mit Rot, die Gelben nur mit Schwarz (Ausnahmen wie die sozial-liberale Regierung Ende der 60er blieben eben solche) koalierten, sind wohl endgültig vorbei. Nicht erst seit die Grünen heftig mit der Hamburger CDU kokettieren … oder ist es andersherum? Man denke nur an die rot-rote Berliner Regierung.Dahingehend könnte auch der Becksche Vorstoß in Sachen Anbandelung mit der Linken gedacht gewesen sein. Er wollte vielleicht sich und seiner Partei für die Zukunft (und damit muss nicht die kommende Bundestagswahl gemeint sein) alle Wege offen halten. Damit wäre die SPD wohl die einzige Partei Deutschlands, die sich nicht von Vornherein gegen irgendwelche Koalitionen, mögen sie auch noch so bunt sein, gestellt hat. Die Grünen könnten da ja arg in Zugzwang kommen. Oder aber: Die SPD macht sich damit beliebig und verliert an Profilschärfe. Aber genau das kann sie sich in der Umklammerung zwischen Mitte und Links nicht leisten.

März 3, 2008 Posted by | Politik | , , , | Hinterlasse einen Kommentar