Silberschweif

Variatio delectat

Killerspiele – die ewige Debatte

Nach dem schrecklichen Amoklauf eines jungen Mannes/Jugendlichen am gestrigen Tag in einer Realschule im baden-württembergischen Winnenden hatte ich bereits die Befürchtung, dass die Medien – über alle Sender und Zeitungen hinweg – das Thema „Killerspiele“ als eine der Ursachen für diese Bluttat aufgreifen.

Lang hat es nicht gedauert: Bereits am frühen Abend gab es dann erste Berichte, in denen das (mutmaßliche) Umfeld und Leben des 17-Jährigen Tim K. dargestellt wurde – schüchtern, keine Freunde/Freundin und natürlich besaß er „Killerspiele„.
WEB.de – zugegebenermaßen nicht gerade als Meinungsführer und hoch investigatives Nachrichtenmedium bekannt – treibt es dann ganz plakativ auf die Spitze mit der Überschrift „Amokläufer von Winnenden besaß Killerspiele“ (hier).

Ich möchte an dieser Stelle nicht im großen Stil die Argumente aufführen, die einen ursächlichen monokausalen Wirkungszusammenhang zwischen dem Spielen gewalthaltiger Video- und Computerspiele und dem menschlichem Verhalten ausschließen, sondern lediglich auf einige (meiner) Blogeinträge bzw. Abschluss-/Doktorarbeiten verweisen, in denen einiges zu diesem Thema geschrieben steht:

Ladas, M. (2002): Brutale Spiele(r)? Wirkung und Nutzung von Gewalt in Computerspielen. Frankfurt a.M.: Peter Lang (hier gibt’s den Abstract, hier den Link zum Buchkauf).

– Rötzer, F. (2003): Virtuelle Welten – reale Gewalt. Hannover: Verlag Heinz Heise (hier der Link zum Buchkauf).

– Hausmanninger, T. & Bohrmann, T. (2002): Mediale Gewalt. München: W. Fink (hier der Link zum Buchkauf).

Hahn, D. (2007): Killerspielartikel in der Videospielfachpresse – zur Wirkung gewalthaltiger Texte. w.e.b.Square, 02/2007. (hier)

weitere Abschlussarbeiten finden sich im Portal „gamesscience“ (hier)

Fünf Irrtümer über Computerspiele (hier), Blog des Soziologen Benedikt Köhler (Twitter-Account).

Killerspiele: ein Schwarz-Weiß-Denken (hier)

Killerspiele machen aggressiv und friedfertig (hier)

Ebenfalls beachtenswert, um sich tiefer und wissenschaftlicher in die Materie einzuarbeiten, sind z.B. Publikationen von Fritz und Fehr (u.a. hier). Natürlich ist das alles beileibe nicht vollständig, dient aber evtl. dazu, sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Ein Blick in die Literaturverzeichnisse der Doktor- bzw. Abschlussarbeiten hilft, weitere relevante Quellen zu finden.

UPDATE: Die CDU-/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag veröffentlichte heute eine Pressemitteilung (hier), in der wieder einmal für ein noch strengeres Jugendschutzgesetz plädiert wird. Vor allem geht es der Union um eine härtere Bewertung hinsichtlich der Altersfreigaben von Computer- und Videospielen. Offensichtlich scheint man bei der lieben Union vergessen zu haben, dass Deutschland bereits das strengste Jugendschutzgesetz und die bindensten Regeln bezüglich des Verkaufs von elektronischen Spielen in der Europäischen Union hat. Und? Was hat das bisher gebracht? Offensichtlich nicht viel. Was bedeutet das? Ich behaupte, ein strengeres Gesetz führt garantiert nicht dazu, derartige Taten zu verhindern.
Vielleicht sollte sich die Union lieber damit beschäftigen, die Anzahl an Schulpsychologen zu erhöhen bzw. diese Leute besser zu schulen. Eventuell wäre dann die Chance größer gewesen, hinter die Fassade von Tim K. zu blicken …

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März 12, 2009 - Posted by | Gaming, Politik, wissenschaftlich | , , , , , , , ,

6 Kommentare »

  1. Hast Recht!

    Kommentar von Xpand Social People Network | März 12, 2009 | Antwort

  2. Schlimm nur, dass nun wieder die “killerspiele” ins Zentrum der Diskussion kommen. Dabei hat das ja nichts damit zu tun. Hier beispielsweise ein Artikel einer Seite, die normalerweise NICHT für Shooter einsteht und dennoch Handlungsbedarf sieht:

    http://www.kindgerechte-spiele.de/?p=30

    “Der Weg vom Computerspieler zum Massenmörder ist doch bedeutend länger, als der Weg vom Waffenbesitzer zum Amokläufer.”

    Kommentar von tom | März 12, 2009 | Antwort

  3. Eine leidige Debatte, die eben zeigt, mit welcher Hilflosigkeit unsere Gesellschaft auf solche Ereignisse reagiert.

    http://sebmaster.wordpress.com/2009/03/12/amoklauf/

    Kommentar von Seb | März 12, 2009 | Antwort

  4. Hi Tom,

    weißt du, ich denke schon, dass gewalthaltige Spiele ein Puzzlestück im Entstehungsprozess solcher Taten sein können und für bestimmte Personen sicherlich eine „gute Projektions- und Anschaunungsfläche“ bieten. Allerdings stellt sich die Frage, unter welchen Voraussetzungen „Killerspiele“ zu derartigen Vehikeln werden können. Und diese Voraussetzungen sind wohl hauptsächlich in der Sozialisation und damit im Erziehungsstil des Elternhauses zu suchen. Hier sehe ich einen weitaus vielversprechenderen Ansatz, Amokläufe in Zukunft einzudämmen. Z.B. durch eine stärkere Hilfestellung von Schulen für Eltern durch psychologische Betreuung. Oder aber in der Ausbildung der Lehrer, die zwar nicht die elterliche Erziehung ersetzen können (und sollen), jedoch stärker altbekannte Phänomene wie Außenseitertum, Hänseleien oder Ähnliches unterbinden müssen. Oder liegt das dann eher an der Schulart, womit es eine eher politische Frage wäre?
    Eins dürfte jedoch gewiss sein: Ein strengerer Jugendschutz und härtere Einstufungen bei der Kennzeichnung von Computer- und Videospielen führt nicht zu einer Eindämmung solcher Gewaltakte, sondern im Endeffekt zu einer „Heroisierung“ von so genannnten „Killerspielen“ sowie zu einer Entmündigung erwachsener Käufer.

    vg
    Dominik

    Kommentar von Dominik | März 12, 2009 | Antwort

  5. Verbote steigern nur den Reiz solcher Spiele noch mehr. Und in Zeiten des World Wide Web machen Verbote von Spielen eh wenig Sinn. Kriegt man ein Spielen nicht im Handel, sucht man es sich halt im Netz. Aber es war ja klar, dass die Schuld wieder bei den „Killerspielen“ gesucht wird.

    Kommentar von Tamara Specht | März 16, 2009 | Antwort

  6. Das könnte dich interessieren: ein Vorschlag für einen offenen Brief an Medien, Politik und Eltern.

    http://arm.in/1tU

    Viele Grüße,

    Deef

    Kommentar von Deef | März 21, 2009 | Antwort


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