Silberschweif

Variatio delectat

Kontsruktivismus – ein offenes Resümee

Es lässt mich nicht wirklich los – und selbst nachdem ich Peter Bieris Buch „Das Handwerk der Freiheit. Über Die Entdeckung des eigenen Willens“ zu Ende gelesen habe, beschäftigen mich die Fragen des Konstruktivismus oder vielmehr dessen Vielschichtigkeit weiterhin. Vor allem, weil ich mit dem Wissen, das ich von Prof. Gabi Reinmann mir im Master-Seminar „Konstruktivismus – ein interdisziplinäres Paradigma“ (Blog und Podcast) und der Buchlektüre aneignen konnte, sogar im Alltag auf eben solche konstruktivistischen Fragestellungen bzw. Probleme stoße.

Ich nutze hier also die Gelegenheit, das Buch und seine Bedeutung für mich zu skizzieren und gleichzeitig noch die ein oder andere externe Quelle hinzuzuziehen.

Was dem Leser sofort nach einigen Seiten und Kapiteln auffällt, ist das von Bieri oftmals angesprochene Problem der Sprache. Während beilspielsweise von Glasersfeld oder auch Roth die Sprache als „realitätsbildend“, im Sinne von „sich ein Bild von Welt machen“, verstehen, merkt Bieri an, dass wir die Sprache, die einzelnen Wörter, Begriffe und ihre Aussagen zumeist nur in oberflächlich betrachten, deren Bedeutungen quasi nur „ankratzen“ und sie damit in ihrem eigentlichen Sinn missdeuten, sie somit ihrer Tiefe berauben. Ich finde, das ist ähnlich wie bei von Foerster, dessen Meinung es war, dass Sprache Objektivität vorgaukelt – um mit Bieris Worten zu sprechen: Wir denken, wir wüssten, was mit bestimmten Begriffen gemeint sei, dabei haben wir die Ursprungs- bzw. die Wurzel der Bedeutung überhaupt nicht begriffen. Diese Wurzel ist durch Jahrzehnte oder Jahrhunderte mit anderen Assoziationen, wie bei Erdschichten, überlagert worden und hat auf der Alltagsebene eine andere, verschwommenere Bedeutung angenommen. Sprich, wir wissen also eben nicht (unbedingt) immer, was etwas bedeutet. Daher wohl auch die relativ lange Einleitung und Erklärung der Begriffe „Handlung“, „Aktion“, Wille“, „wollen“, „Urheber(schaft)“ etc. Dabei musste ich auch oft daran denken, dass sich damit auch die (Psycho)linguistik und Hermeneutik beschäftigen.
Dort heißt es, dass jeder Mensch einzelnen Wörtern und damit dem gesamten Text oder dem gesprochenen Wort eine andere Bedeutung beimessen kann. Das Beimessen von Bedeutung geschieht durch das bei jedem Menschen unterschiedlich komplexe Realitätsmodell. Es kann als „interne Repräsentation der „Wirklichkeit“ (Früh: Lesen, Verstehen, Urteilen. S.85, Karl Alber:1980) angesehen werden, worin Informationen nach bestimmten Regeln und Schemata zugeordnet werden. Diese „kognitiven Strukturen“ beruhen wiederum auf gemachten Erfahrungen (ibidem, S.80). Je nach Realitätsmodell und zugewiesener Bedeutung können Wörter also unterschiedliche Inhalte und auch Gefühlswerte annehmen (Erdmann: Die Bedeutung des Wortes. S.107, Wissenschaftliche Bchgesellschaft: 1966).
Während in der Psycholinguistik nun zwischen „denotativen“ und „konnotativen/affektiven“ Ebenen unterschieden wird (Eco: Zeichen. S. 99ff, Suhrkamp: 1977), und nun zu weit vom Thema wegführt, kommt es mir eher auf den Begriff „Realitätsmodell“ an, welches sehr gut auf das Subjekt als wirklichkeitserzeugende – und vor allem bestimmte (!) – Instanz hinweist.

Das zweite große Thema des Buches ist nach meinem Empfinden die Zeit als Realitätskonstruktionsfaktor. Zeit wird nicht von allen gleichwahrgenommen. Gegenwart ist nicht gleich erlebte und vor allem eine mit mir im Einklang seiende, und damit „echte“, gefühlte Gegenwart (auf mein Problem des Augenblickgenießens bin ich hier bereits eingegangen). Wir müssen voll und ganz hinter unseren Handlungen stehen, wir müssen sie verstehen, die Umstände (= mehr oder wenige unsere Bestimmtheit/Bedingtheit, aber nicht im negativen Sinne!) kennen und akzeptieren, dann können wir die Zeit auch als „unsere“ Zeit wahrnehmen und durchleben. Das finde ich besonders spannend. Das lässt sich doch wunderbar auf ein Beispiel runterbrechen, indem man sich ein Kind bei einem „langweiligen“ Museumsbesuch oder SPaziergängen mit Verwandten vorstellt. Ich denke, solche Situationen kennen wir alle, bei denen wir uns nichts sehnlicher gewünscht hätten, als dass diese Zeit vorbeiginge. Wir kamen uns so vor, als ob man uns die Zeit gestohlen hätte. Tausend andere Dinge hätten wir in dieser Zeitspanne tun können! Wichtig ist für mich als in Zukunft, Entscheidungen oder Handlungen bewusst zu treffen und diese – auch wenn ich nicht immer die totale Kontrolle darüber habe – anzunehmen, sofern sie mir nicht schaden. Dann müsste ich meinem Ziel, jeden Augenblick zu genießen, doch eigentlich näger kommen, oder?!

Ein dritter Punkt der mir auffiel war das „Ebenen-Phänomen“. Das heißt, dass man oft – wohl auch bedingt durch das „Sprachproblem“ – bei Gesprächen (auch in geschriebener Form) aneinander vorbeiredet, da sich der eine auf der Alltags-, der andere auf einer wissenschaftlich-reflexiv-diagnostischen Ebene befindet. Denn würde ich Bieris Buch lediglich aus Alltagssicht betrachten, hielte ich manche Beispiele, die er aufführt, für lächerlich, übertrieben und nicht nicht wert, darüber nachzudenken. Er selbst „gesteht“ ja am Ende des dritten Teiles ein, dass viele Fragestellungen, die er aufgeworden hat, „künstlicher“ Natur seien. Also Probleme, die (auf der Alltagsebene) nicht existieren, aber bei einem kritischen Blick und einer archäologisch anmutenden Weise der Problemlösung erheblich zum tieferen (auch in diesem Wort kommen die verschiedenen Meta-Ebenen hindurch) Verständnis beitragen. Nur dadurch lassen sich scheinbare Paradoxoi (hoffentlich habe ich einen korrekten griechischen Plural gebildet …), wie der Begriff des „freien Willens“ einer ist, lösen (ein freier Wille wäre kein Wille, da ein Wille bestimmt ist!). Dazu gab es auch ein interessantes Interview mit Gerhard Roth in der Augsburger Allgemeinen vom 10. Mai 2008. Darin sagt er: „Der Mensch fühlt sich frei, wenn er tun kann, was er will, unabhängig davon, wie es zu diesem Willen kommt. Die Bedingtheit unseres Willens erleben wir nicht.“ Aber ich denke, dass Bieri genau daran rütteln will und uns auffordert, uns Gedanken über unsere Willensbildung und deren Abhänhigkeit von uns, unserem Umfeld etc. zu machen. Ich denke, auch darin liegt letzten Endes die Freiheit: zu wissen, wie der Wille zustande kommt und ob ich mich dann damit identifzieren und ihn als meinen Willen annhemen kann!

Weiter wird in dem Interview eine Studie angesprochen, laut der man von 100 Fällen, in 60-70 davon bereits zehn Sekunden im Voraus sagen kann, welche Handlungsentscheidung derjenige treffen wird. Ich frage mich, ob das überhaupt – um im Geiste Bieris zu bleiben – für meinen „freien Willen“ von Relevanz ist. Man kann ja einerseits schlecht sagen, dass man sich dadurch entmündugt fühlt, weil das Gehirn auf einmal etwas „allein“ ohne mein Zutun entscheiden würde – dem ist ja nicht so. Das Gehirn ist ja ein Teil von mir und es gibt eben keine Instanz in oder über mir – oder wie Bieri es sagt, ein Homunculus -, die mit Entscheidungen abnimmt. Dies ist nicht einmal bei Getriebenen, Gezwungenen, Zwanghaften usw. so. Vielleicht kommt dieser Reflex daher, dass wir einen Abstand zu uns selbst aufbauen können und die Situation so abstrahieren, dass sie uns dann im Nachhinein wieder „fremd“ vorkommt. Das wäre für mich eine plausible Erklärung. Andererseits ist es ja auch nicht so, dass man – selbst wenn man oben Genanntes messen kann – die Handlungsentscheidung schlecht findet oder eben nicht als die eigene wahrnimmt. Und genau das macht ja auch meinen Willen aus: dass ich Handlungen als Urheber wahrnehme, dass der ausgeführte Wille meiner ist!
Dasselbe ist es, wenn der Interviewer fragt, ob Routinen einen „ferngesteuert“ durch die Welt laufen lassen. Routinen haben aber doch nichts mit dem Einfluss eines fremden Willens auf mich zu tun. Ich nutze Routinen, um Alltagsvorgänge ohne großen kognitiven Aufwand zu meistern. Das hat an sich eigentlich nichts mit dem Willen und dessen Bedingtheit zu tun, außer, dass die Bedingtheit in diesem Fall immer wiederkehrende Muster der Alltagswelt sind, die ich erkenne und absolviere. Davon bleibt jedoch die „Freiheit“ meiner Entscheidungen vollkommen unbetroffen. Dies ist zumindest meine Meinung. Über erhellende Kommentare freue ich mich sehr!

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Juni 23, 2008 - Posted by | wissenschaftlich | , , , , , ,

2 Kommentare »

  1. […] Wie ich darauf komme? In seinem Blog hat einer der Teilnehmer darüber nochmals reflektiert (hier). Ach ja, wo ich schon beim Thema – während eines anderen Seminars ist bei Gabi ein Podcast zum […]

    Pingback von Randnotizen » Blog Archive » Konstruktivismus-Seminar | Juli 27, 2008 | Antwort

  2. Habt Ihr überlegt, wie die Sache ausgehen kann?

    Kommentar von Gina Beichel | Juli 30, 2009 | Antwort


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