Silberschweif

Variatio delectat

Telemedialer (Schwach-)Sinn

Die deutsche TV-Landschaft hat an sich wenig zu bieten: Hier mal wieder ein deutsches TV-Drama in den Öffentlich-Rechtlichen, dort wieder ein Frauen-, Familien-, Männertausch oder ein Casting bei den Privaten. Und dazwischen kochen Amateure, Profis und Amateure und Profis zusammen gemütlich bei Kerner und Co. Vor sich hin.

Aber Rettung naht! Unser aller Seelenheil ist nicht mehr in Gefahr in den unendlichen Äther zu entweichen! Denn es gibt ja schließlich „Kanal Telemedial„. In einem unbeschreiblich obskuren Programm möchte der Sender uns die „telemediale Idee“ vermitteln und uns so alle zu einer, ach so tollen, „telemedialen Gemeinschaft“ vereinen. Wie schön!
Damit der dumme Zuschauer auf den ersten Blick denkt, er habe es mit einer Beratungs- oder Esoterik-Show zu tun, prangt in der Mitte des Studios eine sinnlos augestellte, gläserne Pyramide, an den Wänden hängen Bilder, die an erste Malversuche von Vorschulkindern erinnern und der obligatorische Globus darf da natürlich nicht fehlen.

Am Ende eines V-förmigen, orangenen Tisches versucht derweil ein debil grinsender Mensch, mich davon zu überzeugen, doch bitte unter der angegebenen Nummer anzurufen, um ihn so um zehn Euro (!) reicher zu machen (unsere österreichischen Nachbarn bezahlen immerhin nur neun, die Schweizer 12 Franken …). Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte, also der totalen Verzweiflung sehr nahe sein muss, betreibt ein wenig „telemedialen Energieausgleich“ und überweist einen – soweit ich weiß – selbst zu bestimmenden Betrag auf das Konto des Senders … Mir erscheint allerdings der beschriebene Energieausgleich doch ein wenig einseitig. Fließt doch nur meine monetäre Energie in Form von harten Euros zum Sender, wofür ich als Gegenleistung wirres Gelaber – und zu bestimmten Zeiten noch schlimmeres Gesinge („Komm und segne mich“) – ertragen muss.

Interessanterweise definiert sich Kanal Telemedial als „Teleshop“, kann das aber gut durch den Sendernamen und nicht zuletzt anhand seines nicht vorhandenen Beratungsangebots kaschieren.
Der Moderator erläuterte in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai in einer der längeren Pausen (es fand sich anscheinend zu dieser Zeit kein Idiot, der zehn Euro für einen Anruf bezahlen wollte), dass sein „Kanal Telemedial“ erfolgreich sei. Man habe mittlerweile eine sechsstellige Summe eingenommen, wobei die Kosten, laut Moderator, im siebenstelleigen Bereich anzusiedeln seien. Damit habe man alle Lügen gestraft, die „Kanal Telemedial“ zum Scheitern verurteilt sahen.

Dass hinter der scheinbaren Beratung oft nur Allerweltswissen steckt, zeigte die gestrige Sendung. Ein Anrufer suchte Rat, denn er spüre immer so einen Zorn auf andere Menschen. Teile seines Körpers empfänden Abscheu gegenüber Mitmenschen. Dies alles erzählte er während der Moderator an einer Kerze, die kurz vor dem Exodus stand, herumfummelte und ständig seine Studiomannschaft anwies, die Kerze doch einmal so zu präparieren, dass das Wachs bloß nicht auf den Tisch tropfe.
Das Beste war jedoch sein Ratschlag. Man müsse eben so leben, dass man seinen Gegenüber nicht störe, doch wenn der andere einem mit dem Finger in die Ohren herumpule, sei eine Grenze überschritten. Ah ja, alles klar …

Ich denke, mehr braucht man zu dieser Sendung nicht sagen. Aber jeder sollte sich sein eigenes Urteil bilden. Hauptsache, es wird nicht in irgendwelchen Ohren dabei herumgestochert! 😉

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Mai 16, 2008 - Posted by | TV | , , , ,

1 Kommentar »

  1. Ja das war schon lustig. Läuft der noch frei Umher?

    Kommentar von Schulle | Januar 18, 2009 | Antwort


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